COPALA / Dr. Natascha Freund

Coaching & Recht

Schlagwort: Neue Medien

Kind und Handy

Neulich sah ich in der Straßenbahn einen Mann mit seinem ca. 2 jährigen Sohn. Der Vater schaute das Kind empathisch und voller Liebe an. Das Kind saß im Kinderwagen, wischte am Handy und beachtete den Vater nicht.

Der Mann sagte zu einem anderen Fahrgast: “Ich habe überlegt, ob ich dem Kind eine zweite Sprache beibringen soll, aber…“ und ich fragte mich: Was ist heute die wichtigere Kulturtechnik: Sprache, empathisches Verhalten oder am Handy wischen???

Was bedeutet Freundschaft heute im Vergleich zu vor 40 Jahren?

Im September habe ich in meiner Praxis einen Workshop zum Thema „Friends will be friends“ durchgeführt. Es ging für die teilnehmenden Freundes-Paare unter anderem darum herauszufinden, warum sie gerade mit dieser Person so gut befreundet sind; was ihnen diese/ihre Freundschaft bedeutet und was diese/ihre Freundschaft ausmacht; wie man vom Gegenüber wahrgenommen werden möchte (und auch nicht); was sie beitragen können, damit die Freundschaft auch weiterhin blüht und vieles mehr.

Ein wesentliches Ergebnis war, dass es die gemeinsamen Erlebnisse, aber eben auch die (eigenen) Kindheitsverletzungen sind, die Freundschaften entstehen lassen. Zu diesem Thema komme ich in einen der nächsten Beiträge zurück. Heute möchte ich auf etwas anderes hinaus, denn die Teilnehmer haben auch herausgearbeitet, dass gemeinsame Erlebnisse in der Jugendzeit wie Fußballspielen, Zeltlager, Tanzkurs oder ähnliches sehr verbindend waren. An diesen Beispielen merkt man schon, bei den Teilnehmern handelte es sich um Menschen, die in den 70er und 80er Jahren aufgewachsen sind, mit starkem persönlichem Bezug zueinander und einer intensiv erlebten Zeit mit gemeinsamer Aktivität.

Ein Jugendlicher von heute hat auf meine Frage nach Freundschaft so geantwortet: „Ich habe 18 Freunde auf der PS4, von denen ich 14 noch nie gesehen habe.“ Dies bietet eine ganz andere Perspektive auf das Thema Freundschaft – sozusagen Freundschaft durch ein gemeinsames Hobby, das auf einer Internet-Plattform ausgeübt wird, zum großen Teil ohne jeglichen persönlichen Bezug. Man hat eine Freundschaft vielmehr, weil man eine Leidenschaft teilt, aber nicht, weil man einen anderen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen mag, seinen Charakter, seinen Einsatz für das Gemeinsame oder weil man gerne Zeit mit diesem Menschen verbringt – einfach so.

Es gibt eine Postkarte mit dem schönen Spruch: „Freunde sind die, die bleiben, obwohl sie dich kennen.“ Ich habe mich gefragt, ob das für die PS4-Freunde auch gilt – oder sind die nur solange befreundet, bis man offline geht?

What‘s App, Mama?

Der 16-jährige Hamburger Robert Camp möchte Eltern erklären, warum Jugendliche den ganzen Tag Online sind. Da Oldschool, seiner Meinung nach, die beste Methode ist, um die „Oldies“ zu erreichen, – denn ein Buch hat in dieser (alten) Generation ein gewisses „Standing“ – hat er sich für gedrucktes Papier entschieden. Was er noch preisgibt und warum Facebook bei Jugendlichen mittlerweile ein alter Hut ist.

Hätte Robert Camp Jugendliche erreichen wollen, hätte er wohl ein oder mehrere Videos auf YouTube gestellt, auch wenn man Leute erst dazu bringen muss, sich diese anzusehen, ist dieses Medium seiner Meinung nach wohl am ehesten geeignet. Facebook sei ein alter Hut, weil vor allem von Erwachsenen so viel gepostet wird.

Camp sagt, dass die Medienwelt hilft, durch den Alltag zu kommen, Kontakt zu Freunden aufrecht zu erhalten und dass man beispielsweise mit WhatsApp immer genau informiert ist. Man darf sich das wie eine Selbstinszenierungsplattform vorstellen, bei der man lernt, sich gut zu verkaufen und Trends zu erkennen. Spätestens bei diesem Absatz habe ich mich gefragt, wie meine Generation überhaupt lebensfähig heranwachsen konnte.

Die sozialen Medien und unpersönliche, aber dafür ständig präsente Online-Kontakte sind von den Jugendlichen heute perfekt in ihr Leben integriert. Es wird als selbstverständlich vorausgesetzt und von den Jugendlichen nicht hinterfragt. Auf der anderen Seite stehen medizinische Erkenntnisse wie jene von Prof. Manfred Spitzer, der vor „Cyberkrankheit“ warnt. Wer recht hat….? Sie können das alles liken oder disliken, nur (noch) nicht bei mir.

Mit persönlichen Grüßen

Natascha Freund

Handymania

Liebe Leserinnen und Leser,

im Urlaub bin ich viel mit dem Zug durch Skandinavien gereist und habe einige interessante Beobachtungen gemacht:

Ein Mädchen, vermutlich um die vier Jahre alt, spielte auf ihrem schicken, in rosa Hülle eingepackten iPad. Sicher waren kindergerechte Spiele darauf, denn das Mädchen ließ doch gleich alle Fahrgäste an ihren Spielen teilhaben, war die Musik dieses Gerätes doch auf volle Lautstärke eingestellt. Der Vater saß neben dem Kind und war selbst an seinem elektronischen Gerät beschäftigt. Hinter den beiden saßen zwei ältere Damen. Diese unterhielten sich in dänisch, schwedisch oder war es doch norwegisch…ebenso lautstark. Worin lag also der Unterschied? Warum fand ich das Spiel des Kindes so erschreckend, während ich bei der lautstarken Unterhaltung der älteren Damen die Sprachmelodie genoss?

Im Hotel…nahezu alle Hotelgäste, ob jung oder alt sind während oder zumindest nach dem Frühstück an ihren mobilen Geräten aktiv. Erschreckend? Ja, das dachte ich mir anfangs auch, doch dann fragte ich mich, worin liegt der Unterschied zu Menschen, die in ihre Zeitungen vertieft sind?

Und in der Stadt…wie von Geisterhand gesteuert, weichen die gehenden Menschen beweglichen und unbeweglichen Hindernissen wie Hydranten, Litfaßsäulen und Straßenschildern aus, während sie nach unten auf ihre Smartphone starren. Sie sind hier – und doch gleichzeitig woanders?

Ist das alles nur der Gang der Zeit, eine normale Entwicklung wie jene von Brief zu E-Mail oder Pferdewagen zu Auto?  Vereinsamen wir vor unseren computerähnlichen Geräten oder können wir gerade dadurch mit mehr Menschen in Kontakt bleiben als wir es in einem persönlichen Gespräch könnten?

Die Glücksforschung sagt dazu, dass es für das Glück darauf ankommt, dass wir in langfristigen guten Beziehungen leben. Gute soziale Kontakte sind wichtig. Aber gibt es die nicht auch auf Facebook? Elektronische Spiele, E-Mails und Nachrichten in sozialen Medien verschaffen uns eine kurzfristige Befriedigung, aber keine nachhaltige Bindung. Wieviel  Kontakte bzw. Follower haben Sie eigentlich auf Xing, Facebook, Twitter…oder wie die sozialen Medien alle heißen?  Und …. Kennen Sie diese Menschen wirklich? Am Ende sind es die gemeinsamen Erfahrungen, Erinnerungen, das gute Gespräch, die persönliche Betroffenheit, vielleicht auch Mitleid und geteilte Freude , die viel mehr geben als ein rechteckiges Gerät mit einer Textausgabe über den Bildschirm.  Gefühle sind vielleicht der Schlüssel,  Gefühle wie Interesse, Zorn, Angst und auch Freude. Diese Gefühle können wir derzeit nur zwischenmenschlich leben, aber vielleicht bringt uns die neue Technologie auch hier eine Änderung…und demnächst tröstet mich das iPad, wenn ich über den Verlust meines Freundes dem iPhone weine….

Mit reisenden Grüßen

Natascha Freund

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Wie viel Medienzeit braucht mein Kind?

Liebe Leserinnen und Leser,

die Weihnachtszeit…sie naht mit riesen Schritten…und damit auch die Wunschlisten unserer Kinder. Elektronische Medien sollen ja wieder hoch im Kurs stehen. In diesem Zusammenhang stellt sich mancher die Frage, wie viel Mediennutzung ist gut für mein Kind? Medien sind vielfältig, daher konzentriere ich mich im Folgenden auf ein besonders beliebtes Exemplar dieser Gattung – das Mobiltelefon.

Wissenschaftler von der Universität Bonn haben eine App entwickelt, um zu erforschen, wie häufig, wie lange und zu welchem Zweck User ihr Mobiltelefon zur Hand nehmen. Wer die entwickelte App herunterlädt, erlaubt dem Institut für Informatik der Universität Bonn diese Nutzungsdaten auszuwerten.

Es wurden die Daten von 60.000 Smartphone-Nutzern ausgewertet. Das Ergebnis: Zweieinhalb Stunden beschäftigten sie sich täglich mit dem Smartphone, Jugendliche sogar drei. Auch beim Abendessen mit dem Partner oder bei der Arbeit griffen die Probanden zum Handy, scrollten durch Nachrichten, checkten Mails. Unter den geöffneten Anwendungen seien besonders häufig Apps wie Facebook, WhatsApp und Pokerspiele genutzt worden. (Siehe näheres unter http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/digitaler-burnout-zu-viel-smartphone-macht-ungluecklich-a-1056361.html).

  • Was denken Sie über diese Information?
  • Finden Sie sich darin wieder?

Besonders zum Nachdenken bringt mich die Erkenntnis vom Leiter der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bochum Bert te Wildt. Er geht davon aus, dass beim Scrollen über den Handyscreen die gleichen Stoffwechselvorgänge im Gehirn aktiviert werden wie bei Drogensüchtigen. Die ständige Kommunikation mit Freunden oder Arbeitskollegen über soziale Medien wie Facebook scheine dabei das größte Suchtpotenzial auszumachen. „Denn dort erhalten wir Aufmerksamkeit und Anerkennung“, so te Wildt.

  • Wie viel an Medienzeit ist für unsere Kinder (noch) gut?

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat in einem Interview die provokante, aber durchaus berechtigte Frage gestellt „hat das Mobiltelefon unser soziales Leben bereichert, oder war es bisher nur ein Versuch, der Einsamkeit zu entgehen?“ (siehe „Das handysüchtige Kind“ in derstandard.at). Einerseits prägt uns der Hunger nach sozialem Kontakt, aber warum vermeiden wir andererseits den nahen Kontakt zu unserem Partner und Kindern, denn das tun wir, wenn wir uns mit dem Mobiltelefon beschäftigen, anstatt uns mit dem Menschen, der am Tisch gegenüber sitzt, zu unterhalten.

In meinem Bekanntenkreis habe ich beobachtet, dass es kaum ein Treffen gibt, in dem nicht einer an seinem Handy etwas „nachsieht“. Wir treffen einander, um gemeinsame Zeit zu verbringen und die erste Tat ist, dank des Handys gleich wieder woanders, in virtuellen Welten, zu sein, als hier…was mir der Blick aufs Handy unseres Gastes verriet…

  • Wie oft sehen Sie während eines Tages auf Ihr Handy?

Der Psychiater Paulus Hochgatterer vertritt die Ansicht, dass es ganz normal ist, wenn Jugendliche mit dem Handy am Morgen aufstehen und abends zu Bett gehen. Facebook macht nicht die Kinder krank, sondern die Eltern, weil sie mit dem Erfahrungstempo der Kinder nicht umgehen können. Hochgatterer bewertet es auch als normal, wenn Dreijährige auf dem iPad ein elektronisches Bilderbuch „wischen“. Diese Dinge, so Hochgatterer, seinen normale Adaptionsprozesse (Hochgatterer: „Facebook macht nicht die Kinder krank, sondern die Eltern“, in derstandard.at).

Ich folge Jesper Juul mit seiner Einschätzung, dass die Situation mit Handy und Tablet so neu ist, dass es uns in der Familie noch nicht gelungen ist, diesbezüglich „Kultur“ zu entwickeln. Es braucht wohl die Erwachsenen, die durch ihr eigenes Verhalten den Ton angeben und damit als Rollenmodell Vorbildwirkung haben…

Vielleicht wollen Sie zu Hause Medienzeit für die Handynutzung für alle einführen? In dieser Zeit ist es okay, sich am und mit dem Handy zu beschäftigen, Mails zu checken, im Internet zu surfen, etc.

Am Wochenende, in den Ferien und jedenfalls zu den Mahlzeiten sind Handy, Tablet udgl. – vielleicht sogar an einem gemeinsamen Ort im Haushalt – „geparkt“ und im besten Fall sogar ausgeschaltet. Es ist Familienzeit – Zeit für das Miteinander!

Es liegt an Ihnen, wie Sie die Medienkultur in Ihrer Familie leben wollen. Vielleicht bedarf es mehrerer Anläufe, Veränderungen und Anpassungen bis Sie Ihren Weg gefunden haben. Edison brauchte nahezu 2000 Versuche bis er die Glühbirne erfunden hatte. Insofern schließe ich diesen Newsletter mit einem Zitat von Thomas Alva Edison (1847-1931):

„Ich bin nicht entmutigt, denn jeder erkannte Irrtum ist ein weiterer Schritt nach vorn.“

Mit erkenntnisreichen Grüßen

Natascha Freund

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