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Kinder narzisstischer Mütter und Väter

In der Zeitschrift „Der Spiegel“ habe ich wieder einmal einen interessanten Gastbeitrag gefunden, nämlich jenen der Verhaltenstherapeutin Ulla Coulin-Riegger über Kinder narzisstischer Mütter und Väter, die keine Chance erhalten, ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten. Wesentlicher Punkt darin war die Darstellung der seelischen Folgen daraus.

Für die Entwicklung von Kindern gibt es nichts Wichtigeres, als von den Eltern gesehen, geliebt und willkommen geheißen zu werden. „Mutter und Vater sollen stolz auf uns sein, denn ihre Anerkennung und bedingungslose Liebe sind das Maß für unseren Selbstwert.“

All das knüpft an die wichtigsten Entwicklungsstufen in der Kindheit an – unser Bedürfnis nach Bindung in den ersten 18 Monaten, gefolgt nach dem Bedürfnis nach Exploration, danach nach Identität und Kompetenz. Kinder können sich gut entwickeln, wenn sie mit ihren Bezugspersonen gute Erfahrungen machen können bzw. mit anderen außenstehenden „Dingen“ (Situationen, Geräten, Natur, Tieren) Erfahrungen erleben, die sie mit ihren Bezugspersonen „Integrieren“, z.B. das Kind, den Spielplatz  erkunden darf und dann stolz zu den Eltern zurückkehren und über die Erlebnisse berichten darf.

Nicht alle Eltern lassen diese gesunde Entwicklung zu, mitunter weil sie diese selbst nicht erlebt haben. Manche Eltern sind narzisstisch in einem ausgeprägten Streben nach Anerkennung und Aufmerksamkeit, überzogenem Geltungsdrang, fehlendem Mitgefühl für andere und starken Manipulationstendenzen.

Coulin-Riegger schreibt: „Kinder narzisstischer Eltern bekommen keine Chance, ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten, und werden nicht dabei unterstützt: Sie sollen ja abhängig bleiben, sollen klein bleiben, weniger schön, weniger klug, weniger erfolgreich als Mutter oder Vater. Und damit sie nicht über ihre Eltern hinauswachsen, werden sie mit allen möglichen Mitteln manipuliert.“

Das Verhalten narzisstischer Eltern beninhaltet Kontrolle, Angriff, Herabwürdigung. Ziel ist Kontrolle, um die Oberhand zu behalten. Dazu gehört auch das Dramatisieren, um die Aufmerksamkeit des Kindes zu erlangen. Kommunikation ist dabei selten herzlich, tiefgehend oder wertschätzend, sondern eher ein Duell. Und dazu gehört auch die Verstellung, d.h. die Anpassung des Verhaltens, um den Eltern zu gefallen und eine positive Resonanz zu bekommen. „Eine solche Anpassung ist immer auch Selbstentfremdung und führt beim Heranwachsenden zu Gefühlen der Unwichtigkeit und Nichtigkeit.“

In vielen Fälle bleiben Kinder narzisstischer Eltern lebenslang davon abhängig zu erspüren, was andere von ihnen erwarten. Gerne ergreifen sie sogenannte „Helferberufe“. Dabei hilft ihnen, dass sie kleinste Schwingungen, Stimmungen oder auch Unausgesprochenes sehr genau wahrnehmen können.

Zum Abschluss schreibt Colin-Riegger über einen besonderen Fall: „Ich habe eine Frau in meiner Praxis behandelt, die wie besessen schien von ihrer narzisstischen und manipulierenden Mutter: Wenn sie an der Nummer sah, dass die Mutter anrief, wurde ihr übel, und sie musste sich übergeben. Diese Patientin konnte in den ersten Sitzungen keinen Augenkontakt mit mir halten; bei der Begrüßung schaute sie auf den Boden, und sie kam immer schwarz gekleidet. Sie wollte in keinem Bereich mit mir in einen Wettbewerb geraten, mich nicht an sich heranlassen. Die Sehnsucht nach der Mutter ist ein sehr reißfestes Band. Es zu durchtrennen, erweckt existenzielle Angst (…) Der Patient muss weggeführt werden von der Idee: Ich bin nur ich selbst, wenn ich nach dem Bild der Eltern bin. Manchmal ist es ratsam – zumindest zeitweise, den Kontakt zu dem manipulierenden Elternteil zu unterbrechen und dem Patienten die explizite Erlaubnis dafür zu erteilen. (…) Die oben beschriebene Patientin, die meine Nähe abwehren musste aus Selbstschutz, nahm mich spontan am Ende der Therapie zum Abschied in den Arm. Sie verbat sich Anrufe seitens ihrer Mutter und rief sie von sich aus nur noch alle vier Wochen an, wobei sie das Gespräch ausschließlich auf das Wetter lenkte….  Sie war ausgestiegen aus dem Spiel, ein für alle Mal.“

 

Die Kindheit im Gepäck

Sie wissen vielleicht, dass ich den Titel „Die Kindheit im Gepäck“ schon einmal verwendet habe. Egal wie alt wir sind und in welcher Situation – Kinder bleiben wir. Und auch wenn wir groß und erwachsen sind, oft haben wir noch unsere Eltern und mit diesen im Laufe der Jahre auch so manchen Kampf ausgefochten und so manches vielleicht noch nicht bereinigt. Wie soll man damit als Erwachsener umgehen?

Hans Jürgen Wirth, ein Psychoanalytiker, hat dazu im Spiegel in dem Artikel „Warum man seinen Eltern nicht vorschnell verzeihen sollte“ einige interessante Aussagen getätigt.

Es geht in den Beziehungen Eltern-Kind oft um Erziehung, Bestrafung und Verzeihen. Wie wirkt dies nach, wenn die Kinder „groß“ sind? Was verändert sich oder kehrt sich um? Erwachsene Kinder können besser nachdenken und bewerten, ob ihre Eltern zu ihnen angemessen, fair und liebevoll oder streng und regulierend waren. Was, wenn es körperliche oder seelische Gewalt gab, sogar Missbrauch. Muss oder soll man das später verzeihen?

Wirth schreibt: „Schuldgefühle, die aus verdrängten Hass- und Rachegefühlen resultieren, die Hoffnung, dass einem Gerechtigkeit widerfahren könne, und die illusionäre Sehnsucht, doch noch die schmerzlich vermisste elterliche Liebe zu erhalten, stehen einer offenen Auseinandersetzung mit den Eltern oft im Weg.“

Das stimmt aus meiner Erfahrung. Auch als „erwachsendes Kind“ versucht man oft den Weg der Hinwendung zu den Eltern, um das nicht erfüllte Entwicklungsbedürfnis der Kindheit zu vollenden – und bekommt es doch nicht. Solche Fälle erlebe ich oft in meiner eigenen Beratungspraxis.

Das elterliche Verhalten wird oft entschuldigt, „sie konnten ja nicht anders“. Aber auch hier gilt, dass man sich damit selbst ein Stück weit täuscht, so zu sagen „in die Tasche lügt“. So sagt Wirth: „Denn vor jedem Verzeihen muss es eine Phase der Auseinandersetzung geben, in der das Kind das subjektiv erlittene Unrecht anprangert, sein Leiden artikuliert und die gesamte Palette seiner damit verbundenen Gefühle gegenüber den Eltern ausspricht und ausdrückt.“

Wenn Sie als „Kind“ im Erwachsenenalter auf diesen Prozess verzichten, ersparen Sie Ihren Eltern die Kritik und Auseinandersetzung und sich selbst die Heilung, ein doppelter Verzicht. Verzeihen ist grundsätzlich nichts Schlechtes, aber wer verzeiht, ohne den reinigenden Prozess der Auseinandersetzung zu gehen, landet eher in der oberflächlichen Entschuldigung. Dadurch bleibt der Weg zu einer neuen Ebene der Kommunikation, des Verständnisses und auch vielleicht eine neue Sichtweise auf diesen Menschen versperrt.

Und so kann ich mich den Worten von Wirth nur anschließen: „Der Prozess gelingt, wenn sich zwei Parteien auf eine tiefgreifende Wandlung einlassen und die Bereitschaft zeigen, ihrem Leben eine ganz neue Ausrichtung geben zu wollen. Die Fähigkeit zu verzeihen ist für ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen unverzichtbar.“

Nicht jedem steht der Weg offen und nicht jedem ist es gegeben, mit den Eltern diesen Weg zu gehen, bewusst zu riskieren, das Narben aufbrechen und Verletzungen wieder hervorkommen. Manche Menschen haben bis ins Alter noch sehr dominante Eltern, die auch dann noch den Taktstock in der Familie schwingen. Hier kann der Rat Dritter helfen, wie von FamilienberaterInnen oder -therapeutInnen.

Wenn Sie es versuchen, dann lassen Sie sich vielleicht von diesem Bild leiten: „Es geht darum, aus der heutigen Distanz eine neue Einstellung zu den Ereignissen zu entwickeln. Kind und Eltern sind sich im Moment des Verzeihens einig, dass das Vergangene war, wie es war, dass es aber die zukünftigen Beziehungen nicht mehr belasten soll.“

 

Quelle: https://www.spiegel.de/familie/konflikte-mit-den-eltern-wer-zu-schnell-verzeiht-der-taeuscht-sich-selbst-a-00000000-0002-0001-0000-000173732145; abgerufen am 12.04.2021

 

Trennung der Generationen oder man sieht sich im Leben immer 2 Mal

In meiner Praxis berate ich viele Paare, die in einem oft schmerzhaften Prozess der Entfremdung oder Trennung sind bzw. daran arbeiten, aus dem Trennenden wieder zum Gemeinsamen zu kommen. Wenn wir über Trennung sprechen, dann eben oft über die Trennung von Paaren.

Es gibt aber auch eine nicht unbeträchtliche Zahl von Trennungen zwischen Generationen, wenn z.B. Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen. Auch das ist ein scheinbar unumkehrbares Ende einer langen Beziehung im familiären Kontext. Dazu gab es bei Spiegel-Online (23.12.2018) ein interessantes Interview mit der Psychologin Sandra Konrad, auf das ich mich hier teilweise beziehe und dazu auch eigene Überlegungen einbringe.

Dieser Abbruch erfolgt aber nie so ganz, denn, wie wir aus der Imago-Lehre wissen: Familie ist das, aus dem man nicht aussteigen kann. Eltern bleiben immer Eltern, egal wie schlecht das Verhältnis sein mag. Deshalb gibt es ganze andere, unsichtbare Bindungswirkungen, die unser Verhalten gegenüber unseren Eltern bis ins hohe Erwachsenenalter prägen. Gerade unser Umgang in bestimmten Situationen, den wir von zu Hause mitgenommen haben, bestimmt unseren Gang durch die Welt (z.B. wie Feste gefeiert werden oder wie sich um andere Menschen gekümmert wird).

Kontaktabbruch verschafft vielen zunächst einmal eine Erlösung vom Schmerz und es verschafft auch Macht, nämlich das Gefühl, selbstbestimmt entschieden zu haben. Genau dieses Verhalten kann aber bei den Eltern wiederum Schmerz und Unverständnis hervorrufen. Ein interessanter Gedanke dabei ist, dass, wer unter seinen Eltern leidet vielleicht erlebt, dass die Eltern auch ihre eigenen Kindheitsverletzungen übertragen, die nie geheilt wurden. Ein heute erwachsener oder alter Mensch, der seine Kinder schlecht behandelt, hat auch eine eigene Geschichte in der er oder sie als Kind – vermutlich schlecht – behandelt wurden.

Wie die Überschrift aber sagt – man sieht sich im Leben immer zwei Mal: der Abbruch mag zwar lange dauern, aber irgendwann treten Entwicklungen ein, die man gegebenenfalls nicht mehr kontrollieren kann. Eine davon sind die eigenen Kinder, die nach Oma und Opa fragen – was soll man ihnen sagen? Das andere ist gegebenenfalls der Prozess der Alterung und das Lebensende. Was tun, wenn das Telefon klingelt und die Mutter sagt: „Dein Vater liegt im Sterben, vielleicht möchtest du dich noch aussöhnen?“

Was hilft? Wichtig ist auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und herauszufinden, was einem selbst gut tut. Helfen können auch sogenannte Familienaufstellungen. In dieser Form der Beratung stellt der Klient die Mitglieder seines Umfeldes auf einem Brett im Verhältnis zu sich selbst auf. Dies lässt erkennen, wie dieser Klient zu seiner Umwelt steht, welche Bindungs- und Spannungsverhältnisse bestehen und es hilft herauszufinden: in welchem Abstand oder in welcher Nähe und in welcher Beziehung will ich zu meinen Eltern stehen.

Kinder lieben ihre Eltern zunächst blind,

später fangen sie an, diese zu beurteilen,

manchmal verzeihen sie ihnen sogar.

Oscar Wilde

Wenn Eltern enttäuscht werden

Erleben Sie das eventuell von Zeit zu Zeit: Sie sind Elternteil, ihre Kinder wachsen heran, werden von Säuglingen zu Schulkindern, zu Jugendlichen und zu jungen Erwachsenen: und dann verhalten sie sich manchmal ganz anders, als wir es uns als Eltern gewünscht, erwartet und von den Kindern erhofft hätten?

Dieser Prozess ist zunächst einmal schmerzhaft, er ist aber auch für die Entwicklung der Beziehung zwischen Eltern und Kindern wichtig. In einem Artikel in Bento / Spiegel Online Spiegel erschien Ende des Jahres 2019 ein Artikel zum Thema: „Eltern enttäuschen: Warum es okay ist und wie wir lernen, damit umzugehen“

In einem Interview mit Michael Bordt ging es zunächst um die Definition von Enttäuschung: dabei fällt eine Täuschung weg und es macht es für den Beobachter erforderlich, die Welt so zu betrachten wie sie tatsächlich ist und nicht wie man sie gerne hätte. In der Eltern-Kind-Beziehung ist das besonders wichtig, denn diese ist im Wesentlichen dadurch geprägt, dass die Eltern wissen und sich daran orientieren, wie ein kleines Kind zu behandeln ist. „Das führt dazu, dass die Eltern auch mein späteres Verhalten bis ins hohe Alter auf dem Hintergrund der Erfahrung interpretieren, die sie mit mir gemacht haben als ich ein Kind oder ein Jugendlicher war.“ Natürlich kann diese Haltung nicht berücksichtigen, dass das Verhalten, die Erfahrungen, die Kenntnisse und die Werte von Kindern sich über die Zeit entwickeln.

Michael Bordt sagt, dass Kinder üblicherweise ihre Eltern in sehr jungen Alter „vergöttern“. „Sie sind unsere Beschützer, unsere Ernährer. Wir sind vollständig von ihnen abhängig. Sie schenken uns im besten Fall Geborgenheit, Anerkennung, Liebe – all das, was wir brauchen.“ Und er führt weiter aus: „Erwachsenwerden heißt auch, sich einen kritischen Umgang mit den eigenen Ansprüchen den Eltern gegenüber anzueignen und zu verstehen, dass sie uns nicht immer die Anerkennung geben können, die wir uns von ihnen wünschen oder die wir sogar erwarten.“

Ansprüche von Eltern sind heute oftmals sehr hoch, was ihre Kinder angeht und sie geben Ihnen dieses Gefühl, etwas „ganz Besonderes“ erreichen zu können und etwas Großartiges leisten zu können auch mit. Es kann sein, dass Kinder, die zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen heranreifen sich in Bezug auf ihre Fähigkeiten dann überschätzen und nicht das werden, was sich die Eltern gewünscht oder für die Kinder vorgestellt hätten (Astronaut, Chefarzt oder ProfessorIn). Dass es ein erstes Beispiel für eine Enttäuschung, die Eltern verspüren können.

Diese Erlebnisse beruhen zu einem großen Anteil auf dem Verständnis und den liebevollen Umgang, den Eltern heute mit ihren Kindern pflegen. Die heutige Elterngeneration hat in jungen Jahren nicht so viel Unterstützung, Verständnis und Förderung erhalten, sondern musste oft mit sich selbst und der Welt klarkommen. In der Konsequenz bedeutet das in den Worten von Michael Bordt: „…es führt in manchen Fällen dazu, dass junge Menschen das Gefühl haben, die Familie sei der einzig sichere Ort. Und wenn so viel auf dem Spiel steht, fällt es besonders schwer, das zu enttäuschen und sich abzugrenzen.“

Ein wichtiger Aspekt es auch die Erziehung bzw. das Wertesystem der Erwachsenen: in jungen Jahren übernehmen die Kinder die Werte und akzeptieren die Erziehung ihrer Eltern. Sobald sie älter werden, eigene Erfahrungen machen, lernen sie auch sich abzugrenzen und ihre eigenen Werte zu entwickeln, die zum Teil im Konflikt mit den Eltern stehen. Dies ist für Eltern oft auch eine schwere Enttäuschung, wenn sie sehen, dass ihr Wertesystem von den Kindern nicht übernommen und gelebt wird. Es ist aber auch wiederum ein wichtiger Teil des Prozesses das Erwachsenwerdens.

Kinder geraten dann oft in Konflikte, wenn sie selbst spüren, dass ihre Eltern enttäuschen, weil sie eben anders sind und sich anders verhalten. Für Kinder ist dann das wichtigste, die Erfahrung zu machen, dass ihre Eltern sie trotz der Änderungen seit ihrer Kindheit und Jugend akzeptieren, so wie sie sind und dass die Anerkennung und die Liebe sich dadurch nicht ändern, weil ein Kind erwachsen wird und eigene Vorstellungen hat.

Wenn nun schon Konflikte bestehen, wie kann man dann damit umgehen? Wichtig ist, sobald man spürt, dass es ein fehlendes Verständnis, mangelnde Kommunikation oder Enttäuschung gibt, mit Wertschätzung und positivem Engagement die Themen anzusprechen und versuchen, sie zu lösen dabei sollte man von der Symbolebene wie Berufswahl, Freundeskreis, Freizeitverhalten vielmehr auf die Ebene zwischen Eltern und Kind eingehen, nämlich die Frage, ob man sich gegenseitig akzeptieren kann, auch wenn das Verhalten nicht so ist, wie man es sich einmal gewünscht und vorgestellt hat. Solche Diskussionen sind schwierig, können zur Eskalation führen, müssen aber nicht, wenn man sie warmherzig und Wertschätzung angeht.

Eine Stunde Zeit mit Papa…

Wenn dich jemand liebt, heißt das, dass du einen Teil seines Lebens, seiner Zeit und seiner Aufmerksamkeit einnimmst.

Die folgende Geschichte, die im Internet kursiert, bringt, so scheint mir, ganz gut zum Ausdruck, was ich sagen will:

Eines Nachts, als alle im Haus tief und fest schlafen, steht der fünfjährige Ernesto aus seinem Bett auf und tapst zum Zimmer seiner Eltern. Er bleibt neben dem Bett seines Vaters stehen und zupft an der Decke, bis er wach wird.

„Was verdienst du eigentlich, Papa?“, fragt er.

„Hä? Was …?“, stammelt der Vater schlaftrunken.

„Was du auf der Arbeit verdienst.“

„Kind, es ist zwölf Uhr nachts. Geh schlafen.“

„Ja, Papa, ich geh ja schon, aber was verdienst du denn jetzt?“

Der Vater setzt sich im Bett auf und schimpft leise vor sich hin:

„Du gehst jetzt auf der Stelle ins Bett! Das sind keine Themen, die dich was angehen. Und schon gar nicht um Mitternacht!“ Damit weist er zur Tür.

Ernesto lässt den Kopf hängen und geht wieder in sein Zimmer.

Am nächsten Morgen überlegt der Vater, dass er zu streng zu Ernesto gewesen ist und man ihm seine Neugier nicht zum Vorwurf machen kann. Um das Ganze wiedergutzumachen, sagt der Vater beim Abendessen zu dem Kleinen:

„Was deine Frage von heute Nacht angeht: Ich bekomme 2800 Pesos Gehalt, aber nach Abzug der Steuern bleiben 2200 übrig.“

„Hui! Das ist aber viel, Papa!“, antwortet Ernesto.

„So viel ist das gar nicht, mein Sohn. Die Ausgaben sind hoch.“

„Aber du arbeitest viel.“

„Ja, sehr viel.“

„Wie viele Stunden?“

„Den ganzen Tag, mein Sohn.“

„Ah.“ Der Sohn nickt und setzt dann hinzu: „Dann hast du viel Geld, oder?“

„Schluss jetzt mit der Fragerei. Du bist zu klein, um über Geld zu reden.“

Es wird still im Wohnzimmer, und alle gehen schweigend ins Bett. In dieser Nacht werden die Eltern erneut von Ernesto aus dem Schlaf gerissen. Diesmal hat er ein Blatt Papier mit darauf gekritzelten Zahlen in der Hand.

„Papa, kannst du mir fünf Pesos leihen?“

„Ernesto, es ist zwei Uhr nachts!“, schimpft der Vater.

„Ja, aber könntest du …?“

Der Vater lässt ihn nicht ausreden:

„Deshalb fragst du dauernd nach dem Geld, du Rotzbengel! Geh auf der Stelle ins Bett, bevor ich dir den Pantoffel um die Ohren haue! Raus hier! Ab ins Bett, los.“

Und wieder, diesmal schluchzend, tapst Ernesto zur Tür.

Eine halbe Stunde später geht der Vater zu seinem Sohn ins Zimmer, vielleicht, weil er gemerkt hat, dass er zu weit gegangen ist, vielleicht auf Vermittlung der Mutter oder ganz einfach, weil ihn die Schuldgefühle am Einschlafen hindern. Von der Tür aus hört er leises Schluchzen.

Der Vater setzt sich zu seinem Sohn auf die Bettkante und sagt:

„Tut mir leid, dass ich dich angeschrien habe, Ernesto. Aber es ist zwei Uhr nachts, alle schlafen, die Geschäfte haben geschlossen … Hätte das nicht Zeit bis morgen gehabt?“

„Doch, Papa“, antwortet der Junge schniefend.

Der Vater holt sein Portemonnaie und nimmt einen Fünf-Peso-Schein heraus. Er legt ihn auf den Nachttisch und sagt:

„Hier hast du das Geld, um das du mich gebeten hast.“

Der Junge wischt sich die Tränen am Bettlaken ab, klettert aus dem Bett und läuft zum Kleiderschrank. Er nimmt eine Dose heraus, fischt ein paar Münzen und Ein-Peso-Scheine heraus, tut die fünf Pesos dazu und zählt mit den Fingern ab, wie viel Geld er hat.

Dann nimmt er das Geld und legt es neben seinen Vater, der ihn lächelnd ansieht, aufs Bett.

„Jetzt reicht es“, sagt Ernesto. „Neun Pesos und fünfzig Centavos.“

„Sehr schön, mein Junge. Und was machst du mit dem Geld?“

„Verkaufst du mir eine Stunde von deiner Zeit, Papa?“

 

Quelle: Das Buch der Begegnung von Jorge Bucay

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