Schlagwort: Eltern (Seite 4 von 5)

Ich mag dich – darf ich Mama/Papa zu dir sagen?

Eine geschiedene Mutter mit einem achtjährigen Kind findet einen neuen Partner. Das Kind versteht sich mit dem neuen Partner gut und obwohl es auch zu seinem leiblichen Vater einen guten Kontakt pflegt, nennt er das neue Familienmitglied „Papa“. Bekannte und Verwandte sind schockiert, wie kann das Kind zu diesem Mann nur Papa sagen, wenn er es nicht ist. Das müsse man ihm doch untersagen. Die kleine Patchworkfamilie ist verunsichert – soll man dem Kind verbieten den Partner der Mutter „Papa“ zu nennen, es ist doch „nur“ der Stiefvater…

Meine Meinung: Wenn es für Sie in Ordnung ist, dass das Kind Ihren Partner mit „Papa“ anspricht, überlassenen Sie dem Kind, wie es den Partner anspricht. Warum wollen Sie dem Kind ein angenehmes Gefühl, das es offensichtlich hat, verbieten, indem Sie ihm vorschreiben, wie es den Partner anzusprechen hat?

Was schulden wir unseren Eltern?

Wie halten Sie es eigentlich mit Ihren Eltern? Rufen Sie wöchentlich oder gar täglich an? Erledigen Sie Dinge für Ihre Eltern? Zeigen Sie Dankbarkeit? Oder wurden Sie sogar gebeten, sich an den Pflegekosten Ihrer Eltern zu beteiligen, weil die Pension dafür nicht reicht?

Jeder von uns hat wohl unterschiedliche Eltern-Kind-Erfahrungen und so mancher fragt sich vielleicht von Zeit zu Zeit: wozu bin ich verpflichtet?

Die Schweizer Philosophin Barbara Bleisch hat darauf folgende Antwort:

„Kinder sind zu nichts verpflichtet gegenüber ihren Eltern. Sie schulden ihren Eltern gar nichts!“

Das klingt auf den ersten Blick überraschend, haben uns unsere Eltern nicht liebevoll (mehr oder weniger) ins Leben begleitet, sich um uns gekümmert als wir klein waren, etc.?

Die Antwort auf die Frage, warum Kinder den Eltern nichts, schulden, lautet bei Frau Bleisch so:

„Das  [Anm: die Annahme, Kinder würden ihren Eltern etwas schulden] würde ja entweder bedeuten, dass Kinder für ihre Geburt dankbar sein müssten – darum haben sie aber nicht gebeten. Oder es hieße, dass Kinder sich für die Fürsorge erkenntlich zeigen müssten. Was wäre dann mit Kindern, die gequält oder misshandelt wurden? Müssten die auch dankbar sein? Das zu behaupten wäre grausam. Dankbare Kinder blicken glücklich auf ihre Kindheit zurück. Nicht alle haben dazu Grund.“

Frau Bleisch sagt aber auch:

„Kinder haben sicher Grund, sich um die eigenen Eltern zu bemühen. Die Eltern-Kind-Beziehung ist mit keiner anderen Beziehung vergleichbar. Sie ist unersetzlich, niemand kann im Erwachsenenalter neue Eltern finden. Und sie ist unfreiwillig: wir wählen einander nicht und werden einander auch nicht wieder los. Das alles macht sie besonders wertvoll. Und natürlich schulden wir uns Respekt: Einander ausnützen, verletzen, demütigen dürfen wir nie.“

Was können wir daraus lernen? Ist Blut wirklich dicker als Wasser? Man hört ganz oft „Familie kann man sich nicht aussuchen, Freunde schon.“ Vielleicht ist so manche Eltern-Kind-Beziehung deswegen so schwierig, weil man aus dieser nicht aussteigen kann – ich kann meine Eltern nicht austauschen gegen andere Eltern und im Gegensatz können mich meine Eltern auch nicht gegen ein anderes Kind austauschen. Und dennoch geschieht diese Situation ganz oft, wenn sich Eltern und Kinder nicht „verstehen“, wird der Kontakt abgebrochen, werden andere an deren Position gestellt, doch in Wahrheit bleibt eine Lücke.

Jeder von uns hat eine gelebte und eine emotionale Vergangenheit – Eltern wie Kinder. Im Zusammenspiel mit anderen handeln wir stets nach positiver Absicht und dennoch kommt es nicht immer so bei dem/der anderen an. Das kann manchmal weh tun. Manche Verletzungen vergessen wir nie.

Eine Eltern-Kind-Beziehung besteht wie jede Beziehung aus einem gegenseitigen Nehmen und Geben und ist eine Beziehung an der man ein Leben lang lernen und arbeiten darf. Dafür, dass es diese Beziehung gibt, darf man dankbar sein – egal ob diese Beziehung gut oder schwierig ist – sie ist der ideale Lehrmeister.

„Projekt Kind“ – Co-Parenting und die Folgen

Vor einiger Zeit las ich im Spiegel einen Artikel unter dem Titel „Freunde sind die besseren Eltern“. Es ging dabei um das neue Modell des Co-Parenting, bei dem Freunde zu Eltern werden, in dem sie z.B. mittels Samenspende ein Kind gemeinsam haben und dieses betreuen. Sie sind weder miteinander verheiratet noch in einer Liebensbeziehung. Das Argument der Autoren war folgendes:

Das Leben heute ist schnell und stressig, die idealisierte Familienkonstellation (Mama, Papa, Kind(er)) gibt es immer seltener, Liebesbeziehungen sind flüchtig und schnell vorbei. Kinder in Partnerschaften zu bekommen ist daher eher ein „Problem“, denn eine Lösung – viel Risiko, viel Herzschmerz, wenn die Beziehung in die Brüche geht und am Ende ist man doch alleinerziehend. Da wäre es doch besser, Kinder mit Freunden zu haben – Freundschaften halten im Schnitt länger und geben Sicherheit und Stabilität.

So weit, so gut: das ist eine gute Beschreibung von Menschen, die gerne ein Kind wollen und es in den neuen Alltag der digitalen, schnelllebigen Welt integrieren möchten. Ein Kind, angepasst an die Bedürfnisse des modernen Menschen. Aber – ist das alles so positiv? Ich hätte da ein paar Fragen:

  • Auch Freunde können sich unterschiedlich entwickeln – was ist, wenn jeder seiner Wege geht? Auch wenn die Erwachsenen dann weniger „Herzschmerz“ spüren, weil es ja „nur“ ein Freund / eine Freundin ist, was spürt das Kind?
  • Wie organisiert man, wenn befreundete Eltern nebenher noch eine oder wechselnde Liebesbeziehungen haben? Was vermittelt man dem Kind, wenn Mamas Freund und Papas Freundin alle mal bei uns übernachten? Welche Werte geben wir diesen Kindern mit auf den Weg?
  • Und was passiert, wenn einer der befreundeten Eltern später in dieser Liebesbeziehung doch noch heiraten möchte und sich der neue Partner / die neue Partnerin dafür interessiert, auch eine Elternrolle einzunehmen, auch wenn es nicht sein / ihr biologisches Kind ist?

Wer mit wem die Elternrolle übernimmt, ist eben doch nicht so ganz egal. Betrachten wir das ganze aus der Sicht des Kindes, dann wissen wir aus der Imago-Theorie dass die ersten 6 Lebensjahre besonders prägend sind für das Kind sind – es geht um die Phasen der Bindung, der Exploration, der Kompetenz und der Identität. Gerade in dieser Zeit ist es wichtig, dass die Kinder spüren, dass es nicht nur eine stabile und feste Beziehung zum Kind gibt („Ich bin sicher und es ist gut zu sein“), sondern auch, dass die Bezugspersonen eine Beziehung zueinander haben. Wenn dort keine Liebe ist, sondern „nur Freundschaft“ kann das für die Entwicklung des Kindes auch kritisch sein. Wie stabil ist die Beziehung der Eltern? Gibt das genug Sicherheit und Bindung?

Wer also das Co-Parenting Modell realisieren möchte, sollte sich gut überlegen, ob er das Projekt Kind um des Kindes Willen oder um seiner / ihrer selbst Willen vorantreibt.

„Zum Kuckuck“ oder „Plötzlich Papa“

Mehr als nur ein Film – eine bitter-süße Geschichte – mit ganz vielen Fragen für die Praxis…

Zuvor eine Kurzfassung: eine Sommerliebe in Südfrankreich zwischen einem einheimischen Skipper Sam und einer englischen Touristin (Kirstin) – man sieht sich „nie“ wieder….. bis, ja bis die Touristin ein Jahr später am Boot auftaucht, und dem sehr überraschten Sam die mittlerweile 3 Monate alter Gloria übergibt und mit dem Taxi verschwindet. Sam reist ihr nach London hinterher, denn er will das Kind nicht behalten, aber er findet die Kindesmutter nicht.

Mit der Hilfe von Bernie schult Sam auf Stuntman um und versucht sein Bestes als alleinerziehender Vater. Gloria entwickelt sich zu einem fröhlichen Mädchen, das – und keiner sagt es ihr – eine schwere Krankheit hat. Nach 8 unbeschwerten Jahren, in denen Sam Gloria sogar mit falschen E-Mails vorspielt, ihre Mutter sei Geheimagentin und überall auf der Welt unterwegs und komme „bald“ nach London, entschließt sich die Mutter wieder aufzutauchen, einschließlich ihres neuen Freundes (gleichzeitig ihr Anwalt). Sie möchte Verpasstes nachholen und baut einen guten Draht zu Gloria auf. Trotzdem: es bleibt nicht ohne Konflikte als sie ihren „Anspruch“ auf das Kind erhebt.

Die Sache geht vor Gericht, denn die Mutter möchte das Sorgerecht und Gloria mit nach New York nehmen, wo sie jetzt lebt. Das Gericht entscheidet – zugunsten des Vaters (unter der Auflage, dass er einen seriöseren Beruf ausübt und Gloria regelmäßiger zur Schule geht). Da spielt die Mutter ihren letzten Trumpf aus – und verlangt einen Vaterschaftstest. Das sehr überraschende Ergebnis: Sam ist nicht der Vater. Gloria ist ein Kuckuckskind. Die Mutter setzt gerichtlich durch, dass sie Gloria nach New York mitnehmen darf, doch im letzten Moment läuft Gloria mit Sam davon und sie verschwinden nach Südfrankreich und verbringen dort einen wundervollen Sommer, an deren Ende Gloria stirbt.

Eine bittersüße Geschichte. Ich habe daraus folgendes gelernt:

  1. Im ganzen Prozess von Trennung, Obsorge, Wohnort wurde nie das Kind gefragt, wie es dem Kind mit der Situation geht, was es eigentlich möchte bzw. wurde zu keinem Zeitpunkt auf das Kindeswohl abgestellt. Das Kind wurde nie angehört, sondern es wurde über das Kind entschieden.
  2. Kinder lieben Mutter und Vater – auch wenn diese einander nicht viel zu sagen haben, sondern sich feindselig gegenüberstehen. Kinder versuchen oft zu integrieren, was schwer zu integrieren ist.
  3. Eltern können sehr besitzergreifend sein – das ist „Mein Kind“.
  4. Menschen können ein Kind liebevoll erziehen, auch wenn es nicht ihr biologisches Kind ist.

Der Film löst natürlich auch viele rechtliche Fragen aus. Wäre das alles so möglich? Wie wäre die Lage von Kuckuckskindern nach dem österreichischen Recht? Diese Fragen werden im rechtlichen Teil des Newsletters beantwortet.

Mit nachdenklichen Grüßen

Natascha Freund

Sind Väter die „neuen Mütter“?

Die Rolle der Väter ändert sich…so auch in Bezug darauf, wenn die Familie auseinandergeht.

In der Zeitschrift der „Spiegel“ (Nr 27/2017) brachte die Psychoanalytikerin Inge Seiffge-Krenke, diese Entwicklung auf den folgenden Punkt:

Durch sich wandelnde Familienbilder und Erwartungen an Mütter und Väter sowie auch gesellschaftliche Veränderungen, bringen sich Väter heute mehr, aber eben auch anders als „Mütter“, in die Kindererziehung ein. Die Psychoanalytikerin kommt zu dem Ergebnis, dass Väter auf dem Weg zu einem „Mutter-Imitat“ seien und das hat eine Reihe von Konsequenzen. Sie führt folgende Beispiele an:

  • Die Welt und insbesondere Frauen brauchen die Männer nicht mehr zum Kinderkriegen, aber dennoch werden sie zunehmend auf dem ureigensten Gebiet ihrer Kompetenz angegriffen (der Artikel erwähnt das Beispiel des vom Vater zur alleinerziehenden Mutter heimkommenden Buben, der der Mutter stolz den Kuchen zeigt, den der Vater und er gebacken haben. Reaktion der Mutter: Mistkübel auf – Kuchen hinein – Mistkübel zu).
  • Das Verhältnis von Müttern zu ihren Kindern – insbesondere zu Töchtern – verändert sich, weil Väter ihre Töchter oft anders und stärker fordern und fördern, andererseits aber seltener kritisieren, etwas, das Mütter in stärkerem Ausmaß tun.
  • Die Kinder werden früher in die Selbständigkeit entlassen oder sogar hineingeworfen – erwähnt wird hier das Beispiel, dass Väter ihrem Nachwuchs Aktivitäten teilweise bis zu 4 Jahre früher zutrauen als die Mütter.

Die starke Konzentration auf das Kind, auf das der gesamte Lebensalltag abgestimmt ist, führt zu dem Ergebnis, dass Eltern nur noch auf die Eltern-Kind-Ebene achten und die Paarebene vernachlässigen. Die Botschaft, so Seiffge-Krenke, sei, dass das Kinder Verzicht lernen (dürfen) – die Eltern haben eine Beziehung zueinander, in der das Kind auch mal keine Rolle spielen darf.

Ich stimme dem insofern zu, als dass es sehr wichtig ist, dass Menschen neben ihrer Elternrolle, nicht auf ihre Paar-Ebene vergessen. Es ist nachvollziehbar, dass diese Paar-Ebene nicht so intensiv gelebt werden kann, als zu Zeiten als die Kinder noch nicht auf der Welt waren. Es darf jedoch möglich sein, sich ab und zu „kleine Inseln“ zu zweit zu schaffen. Das kann ein Abendessen zu zweit (weg von zu Hause) sein, ein Kinobesuch, ein Spaziergang oder vielleicht ein paar Tage Urlaub zu zweit…

Im Beratungsalltag stelle ich leider oft fest, dass viele ehemals verliebte Paare nur mehr ihre Elternebene leben. Man „lebt sich auseinander“ und es kommt zur Trennung. In dieser Situation nach wie vor stabil als Eltern für die Kinder da zu sein, ist die wesentliche, wenn auch oft schwierige Aufgabe, ganz besonders wenn man als Paar getrennt ist. Und auch hier bringen sich Männer vermehrter ein als „früher“, vielleicht auch, weil sie nicht wollen, dass ihre Kinder eine Erziehung erfahren, wie sie sie von ihren Vätern erfahren haben?!

In der Praxis hat sich auch gezeigt, dass Väter oft erst nach der Scheidung als Vater „aktiv“ werden. Mütter ärgern sich darüber und fragen sich, warum dies nicht schon „früher“ also während der Ehe möglich war. Mein Tipp – als Familie hat es leider nicht geklappt, aber freuen Sie sich für Ihre Kinder, dass diese nun eine Mama- und eine Papa-Beziehung erfahren und leben dürfen.

Mit nachsichtigen Grüßen

Natascha Freund

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