Kategorie: Sonstiges (Seite 2 von 6)

Doppelresidenz und Kindeswohl – wenn Welten aufeinander prallen

Liebe Leserinnen und Leser,

sowohl der Verfassungsgerichtshof als auch der Oberste Gerichtshof haben ihre Entscheidungen zur Doppelresidenz getroffen. Demnach können und dürfen auch Kinder von getrennten Eltern nun zwei Wohnsitze haben und „gleichberechtigt“ bei Mama und Papa aufwachsen.

In diesem Newsletter möchte ich Ihnen einen Diskussionsbeitrag zu diesem Thema zwischen dem Juristen Herrn Mag. R. Echt und der Psychologin Frau W. Ohl-Kindes zur Verfügung stellen:

R. Echt: Die Lösung betreffend die Doppelresidenz ist meines Erachtens nicht nur gut, sondern auch geboten. Ihnen wird nicht entgangen sein, dass der Europarat in einer Resolution zur „Gleichheit und gemeinsamen elterlichen Verantwortung“ verlangt hat, dass die Mitgliedstaaten die „Rechte der Väter“ stärken. Danach muss es Kindern grundsätzlich gestattet werden, nach einer elterlichen Trennung zu etwa gleichen Teilen bei beiden Eltern abwechselnd zu wohnen – 2 Wohnsitze sind da nur konsequent.

W. Ohl-Kindes: Konsequent vielleicht, aber auch vernünftig?

R. Echt: Ich sehe nichts, was dagegen spräche. Es kann doch nicht so sein, dass die Kinder bei einem Elternteil leben (zumeist die Mutter) und der andere Elternteil (zumeist der Vater) „nur“ zahlt.

W. Ohl-Kindes: Entschuldigung, das ist doch nicht die Realität. Heute gibt es die typischen Wochenendkinder, die den anderen Elternteil beispielsweise alle 14 Tage und in einigen Fällen auch tageweise während der Woche sehen – das hat sich ausgezeichnet etabliert.

R. Echt: Das Wochenende ist aber nicht die ganze Lebenswirklichkeit. Sonntag ist anders als Alltag. Und viele Väter wollen ihre Kinder auch im Alltag sehen und betreuen.

W. Ohl-Kindes: Moment, ich dachte es geht um die Rechte der Kinder und nicht um die Rechte der Eltern, oder?

R. Echt: Aber wenn sich die Eltern auf ein solches Modell nicht freiwillig einigen können, muss die Möglichkeit zur Durchsetzung bestehen.

W. Ohl-Kindes: Das vernachlässigt doch sehr die Reche der Kinder – und damit meine ich die Möglichkeit zum Aufwachsen dort, wo sie sich wohl und geborgen fühlen. Das Kindeswohl und nicht das Elternwohl muss doch an erster Stelle stehen. Die Regelung zur Doppelresidenz vernachlässigt dies.

R. Echt: Was Sie als Rechte der Kinder bezeichnen, ist keine juristische Kategorie. Die Doppelresidenz ist aber Rechtsbestand und wenn ein Elternteil dies beantragt, dann haben die Richter die Aufgabe und auch Pflicht, diese Anträge zu würdigen und zu entscheiden.

W. Ohl-Kindes: Ein solcher Rechtsstreit tritt doch vermehrt dann auf, wenn es zwischen den Eltern ohnehin schwer ist, sich vernünftig zu einigen. Solche Verfahren gießen nur mehr Öl ins Feuer und belasten alle Beteiligten – insbesondere die Kinder.

R. Echt: Sie können das Recht eines Elternteils aber nicht einschränken. Eltern bleiben für immer Eltern, wenn sie auch nicht mehr Partner sind.

W. Ohl-Kindes: Und das rechtfertigt, dass Kinder eventuell sogar gegen ihren Willen wie Vagabunden ständig den Aufenthaltsort wechseln sollen und wöchentlich abwechselnd bei Mama und Papa „ein- und auschecken“?

R. Echt: Sie dramatisieren das. Die Kinder haben mehrere Orte, die ein „Zuhause“ sind und können diese verschiedenen Welten gut verkraften. Bei Wochenendkindern funktioniert das ja auch, warum nicht auch hier?

W. Ohl-Kindes: Die Doppelresidenz entwurzelt die Kinder. Sie wissen nicht, wo sie hingehören und müssen in manchen Fällen auch noch den Streit zwischen Mama und Papa auf ihren Schultern tragen, den sie immerwährend spüren; hinzu kommt, dass sie ständig ihre Sachen packen und auspacken, weil wieder ein Ortswechsel ansteht.

R. Echt: Die Eltern können sich ja freundschaftlich auf jedes andere Modell einigen, wenn sie eine bessere Lösung für das Kind haben.

W. Ohl-Kindes: Sie stellen schon wieder die Wünsche die Eltern in den Vordergrund – wo bleibt die Berücksichtigung der Kinderseele? Die Einbeziehung der Kinderseele wäre das Beste, was rechtlich passieren könnte.

R. Echt: Es tut mir leid, aber diese Kinderseele hat keine eigene juristische Qualität. Als Juristen haben wir darüber nicht zu entscheiden, sondern nur die Interessen der Beteiligten abzuwägen.

Mit doppelten Grüßen

Natascha Freund

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Wie man den Blickwinkel ändert und eine neue Welt sieht …

Liebe Leserinnen und Leser,

vor einiger Zeit las ich in der Zeitschrift „Der Spiegel“ (34/2015)ein Interview mit Philippe Pozzo di Borgo. Der Name kommt Ihnen vielleicht eher bekannt vor, wenn Sie den Film „Ziemlich beste Freunde“ kennen? In diesem Film geht es um einen Mann (Philippe), der aufgrund eines Unfalls querschnittsgelähmt ist. Demzufolge benötigt er eine 24 Stunden Betreuung. Philippe stellt bewusst einen Krankenpfleger ein, der zum einen gesellschaftlich das komplette Gegenteil von ihm darstellt sowie zum anderen gegen Konventionen verstößt, weil er den schwer Behinderten wie einen gesunden Menschen behandelt.

Der Film beruht auf einer wahren Geschichte. In einem Interview hierzu vertritt Philippe Pozzo di Borgo die Ansicht, dass es die Schwachen sind, die die Chance haben mit ihrer „Botschaft der Unvollkommenheit“ die Welt zu verändern und damit mehr Respekt, Achtung und Menschlichkeit in unsere Gesellschaft zu bringen. Dieses Interview hat mich zum Nachdenken gebracht.

In einem der letzten Newsletter habe ich über die Eile geschrieben, die viele von uns erfasst hat und die unser Leben prägt.

  • Verhindert diese Eile nicht letztendlich auch, dass wir nachhaltig mit anderen Menschen in Kontakt kommen und auch bleiben?
  • Kann jemand, der immer in Eile ist, seinen Mitmenschen genug Achtung und Respekt entgegenbringen?
  • Kann jemand, der in Eile ist, auch Dinge akzeptieren, die mit seinen Lebensinhalten nicht konform gehen?  Armut, Krankheit, Behinderung  passen vielleicht nicht in das Bild und werden gerne „weggedrückt“?

Philippe Pozzo di Borgo vertritt die Ansicht, dass genau diese Menschen – demnach die „Kranken“ –die Chance haben, unser Bild und unsere Einstellung zu verändern:

„Weil wir uns ständig getrieben fühlen, blicken wir nur flüchtig auf die anderen und nehmen deren Bedürfnisse nur oberflächlich wahr. Und den Anblick der vermeintlich Schwachen vermeiden wir regelrecht. Ihr Bild irritiert uns, es passt nicht in das beherrschende Konzept von Wettbewerb. Gleichzeitig neigen wir dazu, unsere eigenen Vorstellungen von vornherein für richtig zu halten (….) Eine Gesellschaft lässt sich aber nur dann angemessen gestalten, wenn man die Bedürfnisse ihrer Mitglieder erkannt hat. (…) Statt uns ständig als Zentrum des Geschehens zu begreifen, müssen wir uns an den Rand stellen, fragen und beobachten. Gerade die vermeintlich Schwachen besitzen das Potenzial, in diesem Punkt einen Bewusstseinswandel einzuläuten.“

Diese Gedanken sind sehr bemerkenswert, insbesondere von einem Menschen, der durch einen Unfall querschnittsgelähmt ist. Natürlich hilft ihm sein Wohlstand diese Ideen zu äußern und zu leben, aber steckt darin nicht eine Botschaft für uns alle?

  • Statt uns selbst im Mittelpunkt zu sehen und unser subjektiv gefühltes Leid zu beklagen, statt unsere 300 Kontakte auf Facebook mit Belanglosigkeiten zu versorgen, sollten wir nicht eventuell auch einmal schauen, was der Nächste braucht, was unserem Nachbarn hilft, wie wir unseren Mitmenschen eine Hand reichen können?
  • Kann es sein, dass im persönlichen Unglück und im persönlichen Leiden auch ein Glück liegt, nämlich dafür die Augen für die Welt zu öffnen und zu sehen, was uns gut tut und dass es die Verbindung zu anderen Menschen ist, die das Leben nachhaltig reich und erfüllt machen?

Vielleicht möchten Sie einmal über diese Haltung nachdenken, wenn Sie das nächste Mal Traurigkeit und Leere verspüren? Und eventuell finden Sie eine Möglichkeit, durch Kontakt zu ihren Mitmenschen Respekt, Achtung, Toleranz, Freude und vor allem Wertschätzung zu erfahren? Und dann kann sich möglicherweise eine ganz neue Welt auftun…

„Eine mächtige Flamme entsteht aus einem winzigen Funken“ (Dante Alighieri)

Mit wertschätzenden Grüßen

Natascha Freund

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Schon wieder gute Vorsätze …

Liebe Leserinnen und Leser,

wie sieht es mit Ihren guten Vorsätzen für das neue Jahr aus? Haben Sie sich (wieder) etwas oder sogar ganz viel vorgenommen? Und wenn ja, haben Sie dann gleich am 1.1. mit Vollgas damit angefangen?

Vielleicht erinnern Sie sich noch an den Newsletter von Jänner 2015, in dem ich bereits über die „guten Vorsätze“ geschrieben habe. Darin ging es unter anderem darum, was in unserem Gehirn bei einer Verhaltensänderung vor sich geht und warum eine Veränderung Zeit braucht sowie ein paar Tipps zur Umsetzung der Vorsätze (zum Nachlesen Newsletter Jänner 2015).

Wie sah es aus mit Ihren Vorsätzen für 2015 und deren Umsetzung? Schwamm drüber – ein neues Jahr hat begonnen…?

Wussten Sie, dass Ziele in unserem Leben enorm wichtig sind? Aber nur daran zu glauben, ist für deren Erreichung leider wenig hilfreich. Physiologische Tests haben nachgewiesen, dass positive Fantasien sehr entspannend wirken. Manchmal aber auch zu entspannend, so dass sie uns an deren Umsetzung hindern. Für die Verwirklichung Ihrer Vorsätze brauchen Sie aber Energie, Engagement und Handeln.

Wenn die Umsetzung der letzten Vorsätze nicht so gut, nicht vollständig oder gar nicht geklappt hat, dann fragen Sie sich doch – was war der Grund dafür? Warum hat es nicht geklappt? Was stand meinem Vorhaben und dessen Umsetzung im Weg?

  • Das Ausmalen von Zielen und Träumen gibt uns die Richtung des Handelns vor. Sie erinnern sich…“Das Ziel ist der Weg“ (Laozi)… Wichtig ist aber, dass das Ziel realistisch ist und ICH es in der Hand habe, es zu erreichen.
  • Als zweiten Schritt denken Sie bitte daran, welche Hindernisse bei der Umsetzung Ihres Vorhabens auftreten können. Wenn Sie sich dieser Hürden bewusst sind, dann können Sie als nächstes daran arbeiten, wie Sie diese umgehen oder überwinden können. Das bringt den Vorteil mit sich, dass Sie schon bevor Schwierigkeiten auftreten, daran arbeiten. Aber bitte Vorsicht – die in Erwägung gezogenen Hindernisse und Hürden müssen realistisch sein und dürfen keinesfalls überzogen sein.
  • Sodann können Sie sich einen Plan machen, wie Sie die Sache umsetzen. Hier greift dann wieder das „Prinzip der kleinen Schritte“, das Sie schon aus dem letzten Jahr kennen.

Wenn es beim ersten Mal nicht gleich klappt und Sie an Ihrem Vorsatz aufgrund von Hindernissen justieren müssen, lassen Sie sich nicht entmutigen. Ohne Fleiß kein Preis oder wie Johann Wolfgang von Goethe sagte:

„Vom Ziel haben viele Menschen einen Begriff, nur möchten sie es gerne schlendernd erreichen.“

Mit vorsätzlichen Grüßen,

Natascha Freund

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Eine kleine Geschichte vom Schutzengel

Eine kleine Geschichte vom Schutzengel

 

Die Sterne leuchteten bereits am Firmament, als der Himmlische seine Heerscharen um sich versammelte.

„Ich brauche einen von euch, der sogleich als Schutzengel auf die Erde hinabfliegt“, ließ er sich vernehmen.

„Warum?“, fragte ein kleiner Engel mitten in die himmlische Stille hinein.

„Weil dort ein Mensch lebt, der nicht immer so gut mit sich zurechtkommt“, lautete die Antwort.

„Warum?“, ließ sich der Kleine erneut vernehmen.

„Er denkt oftmals nicht genug über sein Handeln und dessen Folgen nach.“

„Warum?“, kam es wieder aus der Kehle des Kleinen.

„Jetzt höre endlich mit deinem ewigen „Warum“ auf!“, mahnten ihn die Oberengel, „und sei still, wenn der Himmlische uns etwas zu sagen hat!“

Der Kleine zuckte ob dieser mahnenden Worte zusammen und aus Furcht, selbst ausgewählt zu werden, versuchte er gerade, sich unter der Schar der anderen Engel zu verbergen, als der Himmlische ihn auch schon aus der Menge hervorrief:

„Du wirst dich auf die Erde hinab begeben und just auf diesen Menschen achtgeben, damit ihm kein Unglück widerfährt!“

Im Himmel war es so üblich, dass man auf die Anweisungen des Himmlischen keine Widerworte zu geben hatte – und so blieb dem Kleinen nichts anderes übrig, als sich besagtem Menschen zu nähern und auf ihn aufzupassen.

Es dauerte auch nicht lange, als der Mensch frühmorgens noch etwas verschlafen, in seinen Wagen stieg. Er war schon spät dran und um seinen Termin nicht zu versäumen, gab er mehr Gas, als erlaubt war. Die Bremsen quietschten, doch der Wagen kam im letzten Augenblick zum Stehen, so dass sich kein Unfall ereignete.

Hat ja gerade noch geklappt, dachte der kleine Engel bei sich selbst, obwohl er sich mit Autos und Bremssystemen nicht besonders gut auskannte. Er war mit seinem Eingreifen und somit auch mit sich völlig zufrieden.

Einige Zeit später verlockte das sonnige Wetter den Menschen, zusammen mit einigen guten Bekannten einen Ausflug ans Meer zu unternehmen. Dem kleinen Engel war es hier viel zu heiß, denn im Himmel herrschte stets eine luftige Kühle. Manchmal suchte er hinter dem Strandkorb nach ein wenig Schatten, ohne jedoch den Menschen dabei aus dem Blick zu verlieren. Die Freundinnen und Freunde hatten viel Spaß miteinander. Schließlich öffneten sie eine Flasche Sekt, um sich zu erfrischen.

„Kommt, jetzt gehen wir ins Wasser!“, rief der Mensch übermütig. Einige warnten; „Da hängt die rote Fahne, heute ist Badeverbot.“

Der Mensch aber lachte nur und schwamm weit hinaus. Doch die Unterströmung war so stark, dass sie den Menschen mitriss. Verzweifelt hob er die Arme. Am Strand versammelten sich schon ein paar Schaulustige.

Du liebe Zeit, ich kann nicht schwimmen, durchfuhr es den kleinen Engel. Mit seinem kräftigen Engelsatem bewegte er das Herz eines Mannes, sich mutig in die Fluten zu stürzen. Dem gelang es in aller letzter Minute, den Menschen zu packen und heil ans Ufer zu bringen.

„Na, das ist ja noch mal gut gegangen“, flüsterte der kleine Engel. „So anstrengend hatte ich mir die Aufgabe als Schutzengel wirklich nicht vorgestellt.“

Kaum waren ein paar Wochen vergangen, als er einen gellenden Schrei aus dem Wohnzimmer hörte. Der Mensch war auf eine Leiter gestiegen und hatte offenbar sein Gleichgewicht verloren.

Dem kleinen Engel gelang es gerade noch zu verhindern, dass der Kopf des Menschen auf eine Metallkante prallte, was sein sicheres Ende bedeutet hätte.

Der Arzt diagnostizierte mehrere Rippenbrücke und ein paar Prellungen.

Als Freundinnen, Freunde und Familienangehörige den Menschen am nächsten Tag im Krankenhaus besuchten, gab es viele Fragen: „Wie konnte so etwas nur passieren?“, „Warum hast du denn nicht besser aufgepasst?“,

„Hattest du keinen Schutzengel?“

„Daran glauben doch nur Kinder“, lachte der Mensch.

Der kleine Engel war durch diese Worte tief gekränkt. Offenbar hatte bisher niemand wahrgenommen, wie oft er den Menschen bereits vor Schlimmeren bewahrt hatte. Doch es blieb ihm nichts anderes übrig, als im Krankenzimmer weiterhin seine Flügel behütend über ihm auszubreiten.

Wie kann ich ihn nur von unserer Wirklichkeit überzeugen?, dachte er bei sich. Doch mitten in der Nacht kam ihm plötzlich eine Idee.

Eigentlich gehört sich so etwas ja nicht für einen Engel, ging es ihm durch den Kopf. Aber der Himmlische war schließlich weit weg und so entschloss er sich, seinen Einfall sogleich in die Tat umzusetzen.

Schon bald hörte er, wie sich der Mensch unruhig im Bett umherwälzte, stöhnte und immer wieder schweißgebadet auffuhr.

Am kommenden Morgen lag er bleich in den Kissen.

„Was ist denn mit Ihnen passiert?“, fragte die Krankenschwester, als sie das Frühstück brachte. „Sie sehen ja völlig erschöpft aus.“

„Das bin ich auch“, antwortete der Mensch. „Ich habe die ganze Nacht von Unglücksfällen geträumt, die ich schon erlebt habe, und jeder endete in einer Katastrophe. Nach meinem Autounfall saß ich stundenlang blutüberströmt am Lenkrad, aber es kam keine Hilfe. Beim Baden im Meer standen Hunderte am Ufer und winkten mir fröhlich zu, als mich die Wellen immer weiter hinaustrugen, bis ich ertrank. Und als ich von der Leiter fiel, schlug ich mir den Kopf an einer metallenen Kante auf. Just in dem Augenblick bin ich aufgewacht.“

„Da werden Sie wohl stets einen Schutzengel gehabt haben“, meinte die Krankenschwester.

„Glauben Sie daran?“

„Ich bin fest davon überzeugt, dass es Mächte und Kräfte gibt, die uns vor Schlimmem bewahren.“ Erwiderte die junge Frau. „Das habe ich auch schon erlebt.“ Der Mensch sah sie erstaunt an.

„Aber trotzdem sollte man immer gut auf sich selbst aufpassen, damit man den Schutzengel nicht überstrapaziert“, schmunzelte sie.

„Da haben Sie wohl Recht.“ Der Mensch war ganz ernst geworden. „Aber jetzt freue ich mich erstmals auf das Frühstück.“

Der kleine Engel hatte während dieses Gesprächs hinter der Gardine gelauscht. Da hat mein Einfall ja doch etwas genutzt, lächelte er verschmitzt. Zur Entschädigung für die unruhige Nacht, die er dem Menschen beschert hatte, fächelte er ihm etwas kühle Luft zu, damit dieser sich erholen und nach dem Frühstück in Ruhe noch etwas schlafen konnte.

Wir Schutzengel sind auf Erden eben doch wichtig, auch wenn wir nicht immer wahrgenommen werden, dachte er. Und so schwor er sich in seinem letztlich doch sehr liebevollen Engelherzen, auf diesen Menschen auch in Zukunft achtzugeben. Und da er ja nun schon mal in Übung war, gelobte er, zugleich alle anderen zu behüten, wenn sie auf irgendeine Weise in Gefahr gerieten. Ganz sicher auch dich!

 

Bleib behütet

Möge es immer einen Engel geben,

der ein Auge der Liebe auf dich hat,

der dich aus den Gefahren

des Lebens errettet und dich vor

einem schlimmen Unglück bewahrt.

Möge es immer einen Engel geben,

der dir seine segnende Hand reicht

und dich behütet

vom Aufgang des Morgensterns

bis zum Ende der Nacht.

 

Quelle: Christine Spilling-Nöker, „Bleib behütet!“

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Aber bitte SCHNELL!

Liebe Leserinnen und Leser,

bei der Durchsicht der bisherigen Newsletter-Themen ist mir aufgefallen, dass das Thema „Zeit“ sehr häufig in der einen oder anderen Form vorkommt. Tatsächlich höre ich sehr oft, dass Zeit oder vielmehr die nicht vorhandene Zeit ein Thema ist. Besonders hellhörig werde ich, wenn jemand meint, in einem Hamsterrad zu stecken – nicht zuletzt, weil ich selbst Erfahrung damit gemacht habe und weiß, was passieren kann, wenn man weder den normalen, noch den Notausstieg findet.

Sehr oft denke ich das Buch „Momo“ von Michael Ende. In dieser Geschichte versuchen „graue Herren“, Menschen dazu zu bringen, Zeit zu sparen. Dadurch, dass die Leute sich so sehr darauf konzentrieren, Zeit zu sparen, vergessen sie im Hier und Jetzt zu leben. Sie werden mürrisch und traurig. Dabei übersehen sie, dass sie bei ihren Sparmaßnahmen um ihre Zeit betrogen werden.

Das Buch „Momo“ ist übrigens 1973 erschienen! Was haben wir daraus gelernt? Haben wir überhaupt etwas daraus gelernt? Abgesehen davon, dass Kurse angeboten werden, wie man schneller lesen lernt, weil das Zeit spart…

Fällt Ihnen auch auf, welche Verben wir mit dem Wort Zeit kombinieren: man kann Zeit sparen, gewinnen, vertrödeln, vergeuden, vertreiben, verstreichen lassen, nehmen, ausfüllen usw. Und aus dem Schach kennen wir den Begriff „Zeitnot“.

Ich lade Sie auf zwei Experimente ein:

1. Achten Sie für einen Tag darauf, wie oft Sie an einem Tag das Wort „schnell“, „sofort“, „kurzfristig“, „asap“ oder ähnliche Synonyme in ihrem täglichen Tagesablauf (Arbeit, Nachrichten, Werbung, …) finden.

2. Achten Sie darauf, wie oft Sie Sätze wie „das mache ich noch schnell“ oder ähnliches zu sich sagen.

Die Schnelllebigkeit hat jedoch nicht nur Auswirkungen in der Arbeit. Es wird Flexibilität, Erreichbarkeit, und ständige Reaktionsbereitschaft verlangt – wie können vor diesem Hintergrund dauerhafte soziale Beziehungen entstehen?

Nehmen Sie sich Zeit für die Entwicklung und Pflege Ihrer Partnerschaft oder einer Freundschaft?

Wie können seelische Dinge – Trauer, Verletzungen, Konflikte – verarbeitet werden? Schnell bitte! Als ob wir einer Reparaturwerkstatt wären.

Wenn Sie etwas reparieren (so dies heute überhaupt noch erfolgt), nehmen Sie sich Zeit, es „ordentlich“ zu machen oder reicht eine provisorische Reparatur?

Informieren Sie sich noch ausgiebig über Dinge oder gehen Sie oft uninformiert oder sogar gehetzt an die Dinge heran? Wenn Sie eine Reise an einen unbekannten Ort machen, lesen Sie sich mit einem Buch ein oder buchen Sie Ihr Hotel nach Empfehlungen im Internet und nehmen den Hop On / Hop Off Bus, um effizient alle Sehenswürdigkeiten unterzubringen?

In einem netten Café in meinem letzten Urlaub hat die Inhaberin eine Notiz auf jeden Tisch gelegt, weil sich Gäste oftmals über die langsame Bedienung beschwert haben. Sie beschrieb darin, dass es ihr ein Anliegen ist, sich den Gästen persönlich zu widmen. Ihre kurze Nachricht hat sie mir folgendem Satz geschlossen:

„Wir haben keine Uhr – sondern nur Zeit für Sie“

Mit diesen Worten wünsche ich Ihnen (eine schöne) Zeit,

Natascha Freund

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